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Energiewende: Berlin auf dem Weg zur CO2-neutralen Stadt
Auslaufmodell – Der Abschied von der Braunkohle

Das Berliner Heizkraftwerk Klingenberg versorgte rund 300.000 Haushalte mit Strom und Wärme durch Braunkohleverbrennung. Nach rund 32 Jahren ist nun Schluss. Als erste deutsche Stadt verbannt Berlin die Braunkohle aus ihrer Energieerzeugung.

Die letzte Schippe Braunkohle für Berlin

Die Hauptstadt macht ernst mit der Klimawende. Am 24. Mai 2017 wurden im Heizkraftwerk Klingenberg die letzten Tonnen des fossilen Brennstoffs verfeuert. Die Versorgung der etwa 300.000 Haushalte erfolgt zukünftig mit Erdgas.

Damit verzichtet das letzte der elf Berliner Kraftwerke des Energiekonzerns Vattenfall auf Braunkohle. Seit 1985 wurde in der Rummelsburger Bucht Braunkohle aus den Lausitzer Tagebauen verbrannt.

CO2-neutrale Zukunft Berlins

Technisch wurde Klingenberg bereits frühzeitig nach dem Mauerfall umgerüstet. Neue Filter in der Anlage wuschen die Rauchgase und entsorgten sie. Sauber und ordentlich war das Kraftwerk nach der Wende und hatte nichts mehr mit dem Dreck und Gestank zu tun, den man aus DDR-Zeiten kannte. Der CO2-Ausstoß blieb trotzdem immens.

100 Millionen Euro investierte Vattenfall in die Modernisierung der Erdgasanlagen im Berliner Stadtteil Lichtenberg. Die Umstellung spart jährlich 600.000 Tonnen CO2-Emissionen. Der Anfang einer CO2-neutralen Zukunft Berlins ist gemacht. Bis 2030 sollen auch die drei verbleibenden Steinkohlekraftwerke vom Netz gehen.

Schwedische Regierung macht Druck

2001 übernahm die hundertprozentige Tochter des schwedischen Staatskonzerns Vattenfall die Lausitzer Braunkohlengesellschaft Laubag und rangierte damit auf Platz zwei der größten Braunkohlekonzerne Deutschlands – hinter RWE und vor Mibrag. Die Regierung in Stockholm machte jedoch Druck auf Vattenfall, sich aus der Kohle als Energieträger zurückzuziehen.

Vattenfall veräußerte 2016 die Tagebaue und Kraftwerke in der Lausitz an die tschechische EPH-Gruppe. Der gehört bereits die Mitteldeutsche Braunkohlegesellschaft Mibrag. Die 50-Prozent-Anteile des schwedischen Tochterunternehmens an den sächsischen Kraftwerken Boxberg und Lippstadt wechselten 2016 ebenfalls den Besitzer und sind seitdem Eigentum der EPH-Tochter Leag (Lausitz Energie Bergbau AG).  

Früherer Ausstieg als geplant

Die Umstellung auf Erdgas im Berliner Heizkraftwerk Klingenberg bedeutet nicht nur einen weiteren Schritt in Richtung Energiewende. Sie zeigt die Zukunft der Energieversorgung in den deutschen Städten und Gemeinden. Denn Vattenfall ist der erste Konzern, der komplett auf den fossilen Brennstoff Braunkohle verzichtet. Drei Jahre früher als geplant.

Der Ausstieg aus dem „schmutzigsten und klimaschädlichsten“ Energieträger, wie ihn die Berliner Umweltsenatorin Regine Günther (parteilos) bezeichnet, macht sich im Tagebau Welzow-Süd, der den Konzern bislang belieferte, kaum bemerkbar. Etwa 2,2 Prozent der Rohkohlelieferung entfielen auf die Hauptstadt. Konkrete Auswirkungen auf die Arbeitsplätze im Brandenburger Tagebau gibt es bislang nicht.

Schleichender Abschied

In der Lausitz bereitet man sich langfristig auf das Ende des Braunkohleabbaus vor. Bereits beim Verkauf der Vattenfall-Tagebaue und -Kraftwerke an EPH/Leag war die Skepsis groß, ob sich das Geschäftsmodell Braunkohle für den Käufer rechnen würde.

Inzwischen sind die Pläne der Investoren deutlich abgespeckter. Die noch von Vattenfall vorangetriebenen Erweiterungen einzelner Tagebaue wurde zurückgefahren. Für die Bewohner der Region rund um die Abbaugebiete bedeutet dies eine Erleichterung. Drei Dörfer müssen nicht wie ursprünglich geplant umgesiedelt werden.

Im März 2017 stellte die Leag den Beschäftigten ihr Konzept vor. Die rund 8.000 Arbeitsplätze im Revier bleiben vorerst erhalten. Das Unternehmen verspricht Planungssicherheit für die kommenden 30 Jahre – und macht die Bundesregierung für den Erhalt der Jobs verantwortlich. Sollte der Anteil von Braunkohlestrom am Energiemix weiter sinken, müsse man die Situation neu überdenken.

Der Belegschaft ist jedoch klar, dass der Abbau von Braunkohle endlich ist. Nicht zuletzt die Vorgaben von Europäischer Union und Bundesregierung zur Energiewende verlangen einen Strukturwandel.

Chancen für die Lausitz

Eine Studie des Instituts für Ökologische Wirtschaftsforschung (Berlin) zeigt, wohin sich die Region mit dem Ende des Braunkohleabbaus entwickeln könnte. Es geht vor allem um den Erhalt der Arbeitsplätze. Das Institut hat errechnet, dass trotz altersbedingtem Ausscheidens aus dem Arbeitsmarkt und anhaltender Abwanderung langfristig etwa 3.900 Arbeitsplätze in der Region verbleiben müssen.

Jahrzehntelang hat man auf einen Industriezweig gesetzt. Großbetriebe bestimmten das Geschehen. Professor Bernd Hischl vom Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung empfiehlt deshalb einen ökonomischen Aufbruch der bisherigen Struktur in viele kleine Unternehmen der Energiegewinnung und -verteilung.

In Photovoltaikanlagen und Windkrafträdern sieht er die Zukunft. Die Investition in die Erforschung von Speichertechnologie wäre eine weitere Chance, den Menschen in der Region eine berufliche Perspektive zu bieten.

Brandenburg setzt auf Chemie

So bleibt die Lausitz auch in Zukunft Energieproduzent, passt sich jedoch den Anforderungen der Energiewende an. Die Stromnetze in den neuen Bundesländern werden bereits für alternative Energiegewinnung und deren Einspeisung ins System ausgebaut. Bestehende Netze können schon jetzt zur Energieverteilung aus Sonne und Wind genutzt werden.

Brandenburgs Energie- und Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD) sieht in erneuerbaren Energien zwar eine Möglichkeit, mit der sich jedoch nicht so viel Geld verdienen lässt wie mit dem Braunkohleabbau. Die Metall- und Chemieindustrie sowie die Ernährungswirtschaft seien Branchen, auf die man in Zukunft verstärkt setzen möchte.

Bild oben links: Enthüllung der Gedenktafel in Klingenberg am 24.05.2017 (Foto: Vattenfall)

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