Anzeige

Aus dem Facharchiv: Elektropraxis
Arbeiten unter Spannung: Anwendungskriterien der Arbeitsmethode an Batterieanlagen

Die Beurteilungskriterien für Arbeiten unter Spannung werden in Seminaren und auch in betrieblichen Arbeitskreisen häufig diskutiert und angefragt. Besonders interessant ist die Fragestellung, wenn es sich um Arbeiten an Gleichspannungsanlagen wie z. B. an Batterieanlagen handelt.

Berühren unter Spannung stehender Anschlussklemme (DC 48 V) eines Solarspeichers mit isoliertem Werkzeug (Quelle: BG ETEM)

Dieser Fachbeitrag soll Aufklärung und Verständnis für die Einstufung und die daraus resultierenden Maßnahmen für Arbeiten unter Spannung, insbesondere an Batterieanlagen verdeutlichen. 

Die Einstufung erfolgt in vier Beurteilungsschritten:

  1. Beurteilung der Gefährlichkeit der elektrischen Energie
  2. Auswahl der Arbeitsmethode
  3. Festlegung der Arbeitsverfahren und der zugehörigen Schutzmaßnahmen
  4. Beurteilung der Notwendigkeit von besonderen technischen und organisatorischen Schutzmaßnahmen hinsichtlich der Arbeitsmethode Arbeiten unter Spannung.

Schritt 1: Beurteilung der 
Gefährlichkeit

Bevor man über die Einstufung und Schutzmaßnahmen bei Arbeiten an elektrischen Anlagen und Betriebsmitteln nachdenkt, ist es zweckmäßig, die anstehende elektrische Energie hinsichtlich ihrer Gefährlichkeit zu beurteilen.

In Bezug auf die elektrische Körperdurchströmung sind folgende elektrische Größen als ungefährlich einzustufen:

  • Spannungen bis DC 120 V (oder AC 50 V);
  • maximale Ströme bis DC 12 mA (oder AC 3 mA), maßgebend für Spannungen über DC 120 V (oder AC 50 V);
  • maximale Ladungs-Energiewerte bis 350 mJ (und maximale Ladungswerte von 50 µC), maßgebend für Spannungen über DC 120 V (oder AC 50 V).

Hinsichtlich der Lichtbogenbildung ist eine separate Einstufung der freiwerdenden Lichtbogenenergie auf Basis der DGUV Information 203-077 [1] durchzuführen. Die Einstufung kann unterstützend durch den Fachbeitrag in ep 09/2016 [2] erfolgen. Als Richtwerte hinsichtlich einer ungefährlichen freiwerdenden Lichtbogenenergie können folgende Größen zugrunde gelegt werden:

  • Spannungswerte unter DC 15 V;
  • Ladungswerte unterhalb von 50 Ah bis DC 24 V;
  • Stromkreise mit Spannungen bis DC 120 V, welche unterhalb von 50 A mit schnell auslösenden Sicherungen abgesichert sind.

Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass die vorgenannten Werte nur Richtwerte darstellen und die freiwerdende Lichtbogenenergie auf Basis einer fachkundigen Berechnung gemäß der vorgenannten Regeln zu ermitteln und zu bewerten ist. Entgegen der Ausbreitung eines gefährlichen Lichtbogens kann unterhalb der genannten Werte bei hohen Kurzschlussströmen eine akute Brandgefährdung vorhanden sein. Hierzu müssen gleichermaßen Schutzmaßnahmen anhand einer Gefährdungsbeurteilung getroffen werden.

Ist die Gefährlichkeit der elektrischen Energie in Bezug auf die elektrische Körperdurchströmung und der Lichtbogenenergie nicht gegeben, so sind keine bzw. nur minimale Schutzmaßnahmen notwendig. Als Schutzmaßnahmen können z. B. die grundsätzliche Anwendung von Hitze-Schutzhandschuhen und das Benutzen einer Schutzbrille angewandt werden.

Die Arbeiten an Anlagen mit ungefährlichen Energien können auch von elektrotechnischen Laien ausgeführt werden. Da im gewerblichen und industriellen Bereich eine Unterweisung auf Basis der Gefährdungsbeurteilung grundsätzlich notwendig ist, kann man davon ausgehen, dass bei Einhaltung des Vorschriftenwerks auch für diesen Anwendungsbereich stets unterwiesene und somit elektrotechnisch unterwiesene Personen eingesetzt werden.

Schritt 2: Auswahl der 
Arbeitsmethode

Bei Vorliegen einer elektrischen Gefährdung sind die Arbeiten in folgende Arbeitsmethoden einzustufen:

  1. Arbeiten in der Nähe unter Spannung stehender Teile;
  2. Arbeiten unter Spannung;
  3. Arbeiten unter Spannung mit besonderen technischen und organisatorischen Maßnahmen.

Arbeiten unter Spannung ist jede Arbeit, bei der eine Person bewusst mit Körperteilen, Ausrüstungen, Werkzeugen oder Vorrichtungen unter Spannung stehende Teile berührt.

Diese Definition ist sowohl in der DGUV Regel 103-011 (BGR A3) [3] als auch in der DIN VDE 0105-100 (VDE 0105-100)[4] sowie im weiteren Regelwerk vorzufinden. Alle anderen Tätigkeiten sind als Arbeiten in der Nähe an unter Spannung stehender Teile einzuordnen, sobald Anlagenteile nicht freigeschaltet werden können.

Für Arbeiten an Batterieanlagen sind nachfolgend genannte Tätigkeiten als Arbeiten unter Spannung einzustufen:

  • Heranführen von Mess- und Prüfspitzen;
  • Anschließen und Lösen von Schraubverbindung mit Werkzeugen an Batteriepolen;
  • Crimpen von Steckverbindern (unter der Vorrausetzung, dass aus zwingenden Gründen die Anschlussleitung nicht von den unter Spannung stehenden Batteriepolen getrennt werden kann);

Folgende Tätigkeiten können als Arbeiten in der Nähe unter Spannung stehender Teile bewertet werden:

  • Ziehen und Stecken von isolierten Steckverbindern
  • Montage-, Wartungs- und Kontrolltätigkeiten, bei denen ein bewusstes Berühren unter Spannung stehender Teile nicht vorgesehen ist.

Ein wesentliches Kriterium für die Entscheidung, ob es sich bei den Arbeiten um Arbeiten unter Spannung handelt, ist das bewusste Berühren der aktiven unter Spannung stehenden Teile mit Körpergliedmaßen oder mit Hilfsmitteln (Bild).

Die Anwendung eines Batterietesters kann ebenfalls als Arbeiten unter Spannung eingestuft werden. Montagearbeiten mit Werkzeugen bzw. isolierten Werkzeugen an Batterieanlagen sind somit eindeutig Arbeiten unter Spannung.

Autor: F. Florschütz

Literatur:

[1] DGUV Information 203-077 (bisher BGI 5188) Thermische Gefährdung durch Störlichtbögen Hilfe bei der Auswahl der persönlichen Schutzausrüstung.

[2] Florschütz, F.: Beurteilung der Lichtbogengefahr in Batterieanlagen – Notwendige Schutzmaßnahmen und persönliche Schutzausrüstung, Elektropraktiker, Berlin 70 (2016) 9, S. 743-746.

[3] DGUV Regel 103-011 (bisher BGR A3) Arbeiten unter Spannung an elektrischen Anlagen und Betriebsmitteln, Ausgabe 2006.

[4] DIN VDE 0105-100 (VDE 0105-100):2015-10 Betrieb von elektrischen Anlagen – Teil 100: Allgemeine Festlegungen.

Der vollständige Artikel ist in unserem Facharchiv nachzulesen.

Kommentare

botMessage_toctoc_comments_926
Anzeige

Nachrichten zum Thema

Aus dem Facharchiv: Elektropraxis Elektrische Anlagen für 
Baustellen

Immer, wenn der technische Stand sich verändert, muss die Normenlage 
angepasst werden. Gerade auf Baustellen trifft dies in den letzten Jahren mehr und mehr zu. Die DIN VDE 0100-704 wurde nach langer Ankündigung neu veröffentlicht und enthält...

Weiter lesen

+++ News +++ Photovoltaik Fachseminare zu Photovoltaik-Anlagen

 Die vom Fraunhofer IRB veranstalteten Fachseminare vermitteln Betriebs- und Schadensrisiken an Photovoltaik-Anlagen und wie man Fehler und Schäden professionell erkennen und bewerten kann. Beide Seminare sind inhaltlich unabhängig voneinander,...

Weiter lesen

Neue Produkte Flexibel und sicher

Das UB40.241 ermöglicht in Kombination mit einem 24-V-Netzteil und externen Batterien die Überbrückung von Netzausfällen und Spannungsschwankungen.

Weiter lesen

Der zertifizierte Zähler zur Abrechnung des Gleichstromverbrauchs kommt in einem Messbereich von 25 bis 600 kW zur Anwendung und ist eichrechtskonform.

Weiter lesen

Aus dem Facharchiv: Leseranfrage Desolate Installation in einem Supermarkt

Welche Normen und Vorschriften gelten im Bereich Lebensmittel? Gibt es Vorschriften bezüglich der Schutzart?

Weiter lesen
Anzeige