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Nachgehakt: Ingenieurmangel in Deutschland
100.000 Elektroingenieure dringend gesucht – Panikmache oder Realität?

Der VDE schlägt Alarm: In Deutschland fehlen angeblich 100.000 Elektroingenieure, auf dem Arbeitsmarkt drohe eine gewaltige Lücke. Doch das vorgelegte Zahlenmaterial ist nicht überzeugend – und weckt einen bösen Verdacht.

Absolvent auf Jobsuche (Symbolbild)

Es war einmal …

… ein Hirtenjunge, der aus Langeweile laut „Wolf!“ brüllte. Als ihm die Dorfbewohner zu Hilfe eilten, fanden sie heraus, dass falscher Alarm gegeben wurde und sie nur ihre Zeit verschwendeten.

Äsops Fabel "Der Hirtenjunge und der Wolf" ist ein Klassiker. Vielleicht wird sie auch als Handlungsanleitung missverstanden.

Als wären sie gelangweilte Hirtenjungen, rufen einige Verbände immer wieder eine Katastrophe aus:

  • 2004: Verein Deutscher Ingenieure (VDI) – 100.000 Ingenieure fehlen bis 2005
  • 2008: Institut der deutschen Wirtschaft (IW) – 230.000 Ingenieure, Naturwissenschaftler und Techniker fehlen bis 2020
  • 2009: Institut der deutschen Wirtschaft (IW) – 425.000 Ingenieure, Naturwissenschaftler und Techniker fehlen bis 2020
  • 2014: Verein Deutscher Ingenieure (VDI) – 63.700 Ingenieure fehlen sofort

2016 stieg der Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik e. V. (VDE) mit der nächsten großen Zahl ein:

"Deutschland benötigt im Zeitraum von 2016 bis 2026 rund 100.000 Ingenieure der Elektro- und Informationstechnik mehr, als hierzulande ausgebildet werden. Zu diesem Schluss kommt eine im Auftrag vom VDE und in Kooperation mit dem VDI durchgeführte Studie des Instituts für Wirtschaft in Köln."

War bisher nur allgemein von einer Ingenieurslücke die Rede, fehlen jetzt 100.000 Elektroingenieure. Der VDE kennt auch den Grund:

"Die Zahl der in Deutschland neu ausgebildeten Elektroingenieure konnte in den vergangenen Jahren höchstens den Ersatzbedarf für die aus dem Berufsleben ausgeschiedenen decken. Der wachstums- und technologiebedingte Zusatzbedarf wurde offensichtlich im Wesentlichen von Ingenieuren aus dem Ausland (z.B. aus Südeuropa) kompensiert. Im Jahre 2013 machten sie 10,6 Prozent der 381.200 erwerbstätigen E-Ingenieure in Deutschland aus."

Obwohl der VDE mit Wörtern wie "offensichtlich" und "im Wesentlichen" eher im Ungefähren bleibt, wagt er eine konkrete Schlussfolgerung:

"Da für die Zukunft von einem konstant wachsenden Bedarf auszugehen ist, müssen Unternehmen in der nächsten Dekade über 100.000 E-Ingenieure zusätzlich gewinnen."

Schließlich gibt der VDE den Bildungs- und Arbeitsmarktpolitikern eine Hausaufgabe auf:

"Unternehmen, Hochschulen und Verbände sollten also nicht nachlassen in ihrem Bemühen, mehr Jugendliche für ein Studium der Elektro- und Informationstechnik zu gewinnen und internationale Studierende, Ingenieurinnen und Ingenieure zu integrieren."

Elektroingenieure – heiß begehrt und hoch bezahlt?

Gäbe es tatsächlich den seit Jahren behaupteten Mangel, würden die Unternehmen die umworbenen Elektroingenieure mit überdurchschnittlich hohen Gehältern locken. Große Nachfrage + knappes Angebot = hohe Preise – das ist das Gesetz der Marktwirtschaft.

In der Praxis sind die Zahlen weniger spektakulär. Elektroingenieure (Master oder Dipl.-Ing. Uni/TH) können mit einem durchschnittlichen Einstiegsgehalt von ca. 46.800 Euro rechnen. Beim Bachelor- und Dipl.-Ing. (FH)-Abschluss liegen die Gehälter ca. 3.000 Euro niedriger.

Eine andere Statistik führt die Bundesagentur für Arbeit. Sie veröffentlichte im Mai 2016 den Entgeltatlas für Deutschland. Darin wird für viele Berufe der Mittelwert des Bruttomonatsgehalts von sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten im Jahr 2014 angezeigt. 

Für Ingenieure für Elektrotechnik weist der Atlas ein mittleres Entgelt (Median) von mehr als 5.000 Euro aus. Die Datenbasis ist allerdings lückenhaft. In acht Bundesländern ist die Datenmenge zu gering, um das mittlere Entgelt zu berechnen. Das betrifft vor allem die ärmeren Bundesländer in Ostdeutschland, außerdem Bremen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und das Saarland. Der Median stützt sich deshalb u.a. auf Hochlohn-Länder wie Bayern und Baden-Württemberg, was die Statistik etwas verzerrt erscheinen lässt.

Denn im Gehaltsgefüge der wichtigsten Branchen belegen Elektroingenieure einen Platz im unteren Drittel. An der Spitze stehen Ingenieure in der Chemie- und Pharmaindustrie, gefolgt von Fahrzeugbau, Maschinen- und Anlagenbau, Informationstechnologie und Energieversorgung. Weniger als Elektroingenieure verdienen ihre Kollegen im Baugewerbe und in Planungsbüros.

Weil die Gehälter regional verschieden sind, bieten einige Unternehmen – vor allem in Ostdeutschland – weniger als 40.000 Euro, während in Baden-Württemberg oder Bayern deutlich mehr verdient werden kann. Doch auch in Bayern zählen Elektroingenieure nicht zu den höchstbezahlten Mitarbeitern – trotz qualifiziertem Studium.

Problematisch ist die lückenhafte Tarifbindung. Arbeitgeber, die sich einem Tarifvertrag entziehen, bieten Ingenieuren ein Einstiegsgehalt, das durchschnittlich 3.000 bis 4.000 Euro unter dem Tarifgehalt liegt.

Auch mit einer anderen negativen Gehaltsentwicklung werden Ingenieure immer öfter konfrontiert: Der Auslagerung ganzer Fachgebiete an Ingenieurdienstleister. Die Dienstleister bieten Ingenieuren meist kurzfristige, projektbezogene Arbeitsverträge – und Gehälter unter Tarif. Eine Festanstellung ist bei Ingenieurdienstleistern nicht möglich, die Beschäftigung erfolgt über Werkverträge oder Arbeitnehmerüberlassung (Leiharbeit).

Gäbe es eine Ingenieurslücke – vor allem in den seit Jahren behaupteten Dimensionen –, hätten die Dienstleister keine Existenzgrundlage mehr. Die Unternehmen wären heilfroh, die wenigen verfügbaren Ingenieure fest einstellen und sie mit einem übertariflichen Gehalt werben zu können. Leiharbeit funktioniert nur bei einem Arbeitskräfteüberschuss.

Fingierte Stellenausschreibungen

Zur Begründung der Ingenieurslücke wird häufig die sogenannte Vakanzzeit herangezogen. Diese statistische Kenngröße stammt von der Bundesagentur für Arbeit. Die Vakanzzeit umfasst die Zeitspanne zwischen dem vom Arbeitgeber gewünschten Besetzungstermin und der Abmeldung des Stellenangebots bei der Arbeitsvermittlung.

Laut Bundesanstalt für Arbeit lag die Vakanzzeit in den Berufsgruppen Mechatronik, Energie- und Elektrotechnik im Jahr 2015 bei 118 Tagen. Vergleicht man sie mit der durchschnittlichen Vakanzzeit von 84 Tagen für alle gemeldeten Stellen, scheint es in den drei Berufsgruppen mehr offene Stellen als Bewerber zu geben. Schließlich müssen die Arbeitgeber sehr lange nach einem passenden Bewerber suchen.

Doch die Vakanzzeit besitzt wenig Aussagekraft.

Zum einen führen Unternehmen mit fingierten Stellenausschreibungen häufig einen Markttest durch. Anhand der Bewerbungen erkennen sie, welche Berufsgruppen sich angesprochen fühlen, falls die Stelle eines Tages wirklich besetzt werden muss. Diese Scheinausschreibungen kann die Arbeitsagentur nicht von echten Stellenangeboten unterscheiden. Sie gehen deshalb in die Berechnung der Vakanzzeit ein und verfälschen die Statistik.

Auf der anderen Seite ist die Arbeitsagentur nicht mehr die erste Adresse für Ingenieure, die ihre berufliche Situation verändern möchten. Nicht wenige Ingenieure wechseln ihre Arbeitsstelle nach persönlichen Empfehlungen oder Kontaktanbahnungen über Xing und LinkedIn – ohne vorherige Stellenausschreibung des Unternehmens. Diese Eigeninitiative beider Seiten geht komplett an der Arbeitsagentur vorbei, sie fließt nicht in die angebliche Vakanzzeit von 118 Tagen ein.

Traue keiner Statistik …

Der VDE argumentiert hauptsächlich mit dem Verhältnis von neu ausgebildeten Elektroingenieuren und jenen, die nicht mehr als E-Ingenieure arbeiten, weil sie die Branche wechseln oder in Rente gehen. Hier sieht der Verband Gefahren für die Zukunft: Es würden zu wenig Elektroingenieure ausgebildet, um die Abgänge zu ersetzen.

ep fragte den Arbeitsmarktexperten Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Karl Brenke prüfte die Zahlen des Instituts für Wirtschaft (IW), auf die sich der VDE bezieht:

"Das IW rechnet sich bei den derzeit beschäftigten Ingenieuren reich. Es wird einfach unterstellt, dass jeder ausgebildete E-Ingenieur auch in einem Ingenieurberuf oder in einer Leitungsposition tätig ist. Ich habe das mit den selben Daten, die das IW verwendet, nachgerechnet. Man kann in den Daten von 2013 (sie nutzt auch das IW) 190.000 Personen nachweisen, die eindeutig als E-Ingenieure beschäftigt sind und eine entsprechende Ausbildung haben. Zudem gibt es 65.000 Personen, die als E-Ingenieure ausgebildet sind und von deren Job man annehmen kann, dass sie ausbildungsadäquat beschäftigt sind (z. B. als Geschäftsführer).

In beiden Gruppen zusammen sind 55.000 Personen im Alter von 55+ Jahren. Das ergibt einen jährlichen Ersatzbedarf von allenfalls 6.000 Personen. Derzeit werden im Bereich Elektroingenieurwesen aber 8.600 (ohne Promotionen, ohne Lehramt) Abschlussprüfungen erfolgreich durchgeführt."

Rein statistisch betrachtet gibt es demnach einen Überschuss an E-Ingenieuren. Und Karl Brenke macht noch auf einen anderen Punkt aufmerksam: "Die Zahl der arbeitslosen E-Ingenieure nimmt zu."

Lücke oder Lüge?

Das stets wiederkehrende Mantra vom Ingenieurmangel folgt einer simplen Logik: Die deutschen Unternehmen wollen ihre Personalkosten senken. Dafür benötigen sie ein Reservoir an qualifizierten ingenieurtechnischen Arbeitskräften.

Deshalb sollen möglichst viele Studienanfänger ein ingenieurtechnisches Studium nicht nur beginnen, sondern erfolgreich abschließen. Je mehr Absolventen, desto geringer die Gehälter. Nur der Druck der arbeitslosen Masse kann die Personalkosten deutlich reduzieren. Sorgt ein Überangebot an Ingenieuren für eine Flut von Absagen, unterschreibt der arbeitssuchende Absolvent irgendwann jeden befristeten Vertrag mit reduziertem Gehalt.

Dass sich VDE und VDI vor den Karren des arbeitgebernahen Instituts für Wirtschaft spannen lassen, wird beiden Vereinen seit Jahren vorgeworfen. Eine Vertretung der Ingenieure würde andere Schwerpunkte setzen, beispielsweise eine Gesetzesinitiative zur Unterbindung der Tarifflucht.

Der Verdacht einer einseitigen Parteinahme von VDE und VDI zugunsten der Großindustrie liegt nahe. Denn sie übernehmen auch deren Forderungen nach erleichterten Bedingungen für die Einwanderung von Ingenieuren. Dabei ist gegen die Integration von qualifizierten Einwanderern oder Flüchtlingen nichts einzuwenden – sofern sie nicht als Lohndrücker missbraucht werden.

Doch für VDE, VDI und IW scheinen Ingenieure – egal, ob deutscher Herkunft oder nicht – nur eine Verfügungsmasse am Arbeitsmarkt zu sein.

Die Moral von der Geschichte

Wenn sich VDE und VDI eines Tages darüber wundern, dass sie als Interessenvertreter für ihre Mitglieder keine Rolle mehr spielen, erinnern sie sich vielleicht an den Schluss von Äsops Fabel:

… fanden sie heraus, dass falscher Alarm gegeben wurde und sie nur ihre Zeit verschwendeten. Als der Junge kurz darauf wirklich dem Wolf begegnete, nahmen die Dorfbewohner seine Hilferufe nicht mehr ernst. Der Wolf fraß die ganze Herde und verspeiste auch den Jungen.

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